Eine persönliche Meinung über KI, Verantwortung und den Wert unserer Zeit.
Ich bin müde von billig produzierten KI-Inhalten.
Und wenn ich mich mit anderen Führungskräften, Managerinnen und Managern sowie Unternehmerinnen und Unternehmern austausche, merke ich: Ich bin damit nicht allein.
Versteht mich nicht falsch. Ich bin begeistert von den Möglichkeiten künstlicher Intelligenz. Ich investiere selbst in diese Technologie, beschäftige mich täglich damit und bin überzeugt, dass sie unsere Arbeitswelt bereits grundlegend verändert hat – und weiter verändern wird. Warum hätten wir sonst mit der Arclumina AG ein Unternehmen gegründet, das sich auf KI spezialisiert? Für mich ist KI die Dampfmaschine unserer Zeit – der Motor einer neuen industriellen Revolution.
Zehn Seiten Text. Null Substanz.
Kommt euch das bekannt vor? Ihr bittet jemanden um eine Analyse, eine Einschätzung, eine Entscheidungsgrundlage oder eine Präsentation. Und zurück kommt ein zehnseitiges Dokument. Perfekt strukturiert, professionell formuliert, mit Executive Summary, strategischen Handlungsfeldern, Chancen und Risiken und – natürlich – einer abschliessenden Empfehlung. Auf den ersten Blick sieht alles wunderbar aus.
Doch spätestens nach der zweiten Seite merkt man: Hier hat sich jemand kaum mit dem eigentlichen Problem beschäftigt. Stattdessen wurde eine KI beauftragt, möglichst viel überzeugend klingenden Text zu produzieren.
Das Resultat? AI Slop.
Wir erkennen ihn mittlerweile alle
Typischer AI Slop hat erstaunlich viele Gemeinsamkeiten:
- Aussagen, die wichtig klingen, aber eigentlich nichts aussagen.
- Endlose Aufzählungen von Chancen, Risiken und Handlungsempfehlungen, ohne Priorisierung.
- Buzzwords wie «ganzheitlich», «strategisch», «nachhaltig» und «zukunftsorientiert», die jeden zweiten Absatz schmücken.
- Immer dieselben Argumente, nur anders formuliert.
- Empfehlungen, die so allgemein sind, dass sie auf praktisch jedes Unternehmen passen.
- Viel Struktur, viel Text, aber keine erkennbare eigene Meinung.
Und mein persönlicher Favorit: drei Absätze, die erklären, weshalb etwas wichtig ist, ohne jemals zu sagen, was wir konkret tun sollten.
Das Problem ist nicht, dass diese Texte von einer KI stammen. Das Problem ist, dass sich offenbar niemand die Mühe gemacht hat, die Ergebnisse kritisch zu hinterfragen.
Meine Zeit ist mir dafür zu schade
Wenn mir jemand eine solche Arbeit schickt, geht sie mittlerweile ziemlich schnell zurück an den Absender.
Ich bin nicht bereit, zwanzig Minuten meiner Zeit damit zu verbringen, etwas zu lesen, das jemand anderes in zwanzig Sekunden generiert hat. Warum soll ich die Denkarbeit übernehmen, die sich der Absender erspart hat? Das finde ich weder effizient noch besonders respektvoll gegenüber der Zeit anderer Menschen.
KI sollte unsere Arbeit besser machen. Nicht einfach umfangreicher.
KI verändert bereits unsere Sprache. Und was ist mit unseren Gedanken?
Dass KI unsere Sprache verändert, ist mittlerweile messbar. Eine aktuelle Analyse der ZHAW, über die die NZZ am Sonntag berichtet (lesenswert!), zeigt, dass typische KI-Formulierungen seit der Verbreitung von ChatGPT in Deutschschweizer Medien deutlich häufiger vorkommen. Das Wort «Herzstück» beispielsweise wird heute etwa doppelt so häufig verwendet wie zuvor.
Das bedeutet nicht automatisch, dass all diese Texte von KI geschrieben wurden. Wir übernehmen offenbar auch sprachliche Muster, denen wir immer wieder begegnen. Und genau das gibt mir zu denken. Denn wenn KI zunehmend beeinflusst, wie wir formulieren, beeinflusst sie möglicherweise auch, wie wir argumentieren, Probleme beschreiben und Schlussfolgerungen ziehen.
«Wenn KI unsere Sprache prägt, wird sie früher oder später auch unsere Inhalte prägen.»
Dass diese Sorge nicht ganz unbegründet ist, zeigt eine Studie der Carnegie Mellon University und Microsoft Research(etwas lang, aber auch lesenswert!) aus dem Jahr 2025. Die Forschenden haben etwas über 300 "Knowledge Worker" zu ihrem Umgang mit KI befragt. Ein interessantes Ergebnis: Je stärker die Befragten den Antworten der KI vertrauten, desto weniger kritisches Denken gaben sie bei den entsprechenden Aufgaben an. Umgekehrt ging ein höheres Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten mit mehr kritischem Denken einher.
Das beweist natürlich nicht, dass KI uns das Denken abgewöhnt. Ein Warnsignal ist es mit Sicherheit. Denn was passiert, wenn wir nicht mehr selbst argumentieren, sondern zunehmend die Argumentation einer Maschine übernehmen? Wenn wir Aussagen nicht mehr hinterfragen, nur weil sie plausibel und professionell formuliert sind?
Wir riskieren damit, nicht einfach nur mehr austauschbare Texte zu produzieren, sondern irgendwann auch austauschbarer zu denken.
Back to the Roots, bitte!
Wir müssen wieder lernen, uns auf das Wesentliche zu konzentrieren.
Das bedeutet nicht, weniger KI einzusetzen. Im Gegenteil. Wir sollten lernen, sie besser einzusetzen.
Lernt, vernünftig zu prompten. Formuliert, was ihr wirklich wissen möchtet. Fordert die KI heraus. Verlangt kritische Argumente statt wohlklingender Allgemeinplätze.
Und vor allem: Lest, was die Maschine geschrieben hat. Hinterfragt es. Streicht die Hälfte. Und danach vielleicht nochmals die Hälfte. Fragt euch, ob ihr die Aussagen wirklich versteht, ob sie relevant sind und ob ihr selbst dahintersteht.
Eine gute Analyse muss nicht zehn Seiten lang sein. Manchmal sind drei präzise Sätze wertvoller als dreissig perfekt formulierte Absätze.
Denken bleibt unsere Aufgabe
Wir laufen Gefahr, durch KI nicht nur produktiver zu werden, sondern auch mehr Belanglosigkeit zu produzieren. Nur weil eine Maschine unsere Gedanken schöner formulieren kann, werden diese nicht automatisch klüger. Und nur weil sie aus einem einfachen Gedanken zehn Seiten machen kann, sollten wir diese zehn Seiten nicht auch noch verschicken. Bitte.
Nutzt KI, um besser zu denken. Nicht, um das Denken zu überspringen.
Und bitte: Hört auf, Unsinn zu schreiben, nur weil die Maschine ihn schön formuliert.