Wer eine Magento-Migration plant, stellt sich meist zwei Fragen gleichzeitig: Trägt die Plattform den eigenen, oft komplexen Produktkatalog auch in den kommenden Jahren? Und lohnt sich der Aufwand angesichts dessen, was Adobe als Hersteller tatsächlich liefert, statt dessen, was auf Konferenzfolien versprochen wird? Für Schweizer Industrieunternehmen und Markenhersteller mit vielen Produktvarianten, Attributen und Systemanbindungen ist das eine Investitionsentscheidung mit mehrjähriger Bindung, keine Geschmacksfrage.
Kurz beantwortet: Adobe schloss die Übernahme von Magento am 19. Juni 2018 ab. Die kostenpflichtige Linie heisst heute Adobe Commerce, die lizenzkostenfreie Basis Magento Open Source. Für einen Umstieg spricht vor allem, wo Produktkataloge tief strukturiert sind, mehrere Systeme wie ERP (Enterprise Resource Planning, die Warenwirtschaft), PIM (Product Information Management, die Produktdatenverwaltung) und Zahlungsanbieter angebunden werden müssen und eigene oder eingekaufte Entwicklungskapazität ohnehin eingeplant ist. Die am 12. Mai 2026 veröffentlichte Version 2.4.9 bringt offizielle Unterstützung für PHP 8.5 und Symfony 7.4 LTS (Long Term Support, eine langfristig gepflegte Version) sowie erweiterte GraphQL-Funktionen (eine Abfragesprache für Schnittstellen) und neue Zahlungsoptionen. Adobes eigene Roadmap für 2026 setzt zusätzlich auf agentengestützte Einkaufserlebnisse und auf Adobe Commerce als verwalteten Cloud-Dienst. Für kleine Sortimente mit geringem Integrationsbedarf ist eine Migration dagegen selten der richtige erste Schritt.
Magento-Migration Schweiz: Was tatsächlich für den Umstieg spricht
Die zwei Produktlinien sorgen in Beratungsgesprächen regelmässig für Verwirrung. Adobe hat die Übernahme von Magento Commerce am 19. Juni 2018 abgeschlossen. Heute läuft die kostenpflichtige Linie unter dem Namen Adobe Commerce. Die lizenzkostenfreie Basis wird als Magento Open Source weitergeführt; für ihren Quellcode gilt unter anderem die Open Software License 3.0 (OSL 3.0). Wer „Magento“ sagt, meint in der Praxis oft beides zugleich, technisch handelt es sich um zwei unterschiedliche Pakete mit eigenem Funktionsumfang.
Wie bei jeder Open-Source-Software ist „kostenlos“ bei Magento Open Source nur die halbe Wahrheit: Für die Open-Source-Basis fallen keine Lizenzgebühren an, Hosting, Implementierung und Weiterentwicklung brauchen aber eigene oder eingekaufte Entwicklungskapazität. Dafür bekommen Sie einen langen, planbaren Betriebshorizont: Version 2.4.9 vom 12. Mai 2026 wird laut offiziellem Adobe-Support-Kalender regulär bis zum 31. Mai 2029 gepflegt, die vorherige Version 2.4.8 bis Mai 2028. Für eine Migrationsentscheidung heisst das: Der Pflegehorizont ist im Voraus bekannt. Ob sich der Aufwand amortisiert, hängt von Nutzen, Kosten und laufender Pflege im konkreten Projekt ab.
Technisch ist die Plattform durchgängig API-first aufgebaut, also auf Programmierschnittstellen (API: Application Programming Interface) ausgelegt: Über GraphQL lassen sich Katalog, Warenkorb und Checkout ansteuern, ohne zwingend den klassischen, serverseitig gerenderten Shop zu nutzen, das ist die Voraussetzung für Headless- oder Hybrid-Architekturen, wie wir sie im Rahmen unserer Web- und Commerce-Projekte umsetzen. Für B2B-Anforderungen bietet Adobe Commerce eine separate Erweiterung, die nicht zum Standardumfang von Magento Open Source gehört: Firmenkonten mit rollenbasierten Rechten, kundenspezifische Kataloge und Preislisten (Shared Catalogs), verhandelbare Angebote, Bestelllisten und mehrstufige Freigabe-Workflows für Bestellungen. Für Unternehmen mit komplexen Kundenhierarchien, etwa Industriebetrieben mit Vertriebspartnern oder Filialstrukturen, ersetzt das einen grossen Teil der Individualentwicklung, die sonst nötig wäre.
Das mitgelieferte Standard-Frontend Luma ist technisch in die Jahre gekommen und kann die Optimierung der Ladezeiten erschweren. Mit Hyvä, einem eigenständigen, schlanken Frontend-Framework für Magento, lässt sich dieses Problem gezielt lösen, ohne die Backend-Logik anzutasten. Wir sind Hyvä Bronze Partner und setzen das Framework gezielt dort ein, wo die Standardauslieferung an ihre Grenzen stösst.
Schweizer Praxis: Wo Magento heute läuft
Wie belastbar diese Punkte im Alltag sind, zeigt sich eher an echten Projekten als an Funktionslisten. Öffentlich dokumentierte Referenzen mit Magento als produktivem E-Commerce-System gibt es bei drei Kunden, mit denen wir arbeiten:
Bei Herzog Elmiger, einem unabhängigen Handelsunternehmen aus dem Kanton Luzern mit rund 120 Mitarbeitenden und einem Lager von über 150'000 Kubikmetern, läuft der Onlineshop auf Magento 2. Die Anbindung an die Branchenlösung ComNorm ermöglicht laut der öffentlichen Projektseite den direkten Datenaustausch über unsere Integrationsschicht, sodass Bestellungen auch über das eigene ERP-System des Kunden aufgegeben werden können, ohne die Shop-Oberfläche zu öffnen.
Bei Durovis, einem seit über 40 Jahren inhabergeführten Unternehmen mit Sitz in Perlen und einem nach eigener Aussage branchenweit grössten Sortiment an Federn und Kunststoffteilen, läuft der Shop ebenfalls auf Magento 2. Kern des Angebots sind Federkonfiguratoren, ergänzt um CAD-Modelle von Solidcomponents, die als eingebettetes Fenster (iFrame) eingebunden sind. Die Projektseite benennt ungewöhnlich offen die grösste Herausforderung: die fehlende Dokumentation der bestehenden ERP-Anbindung bei der Übernahme.
Bei Büchi Labortechnik bildet laut Projektseite Akeneo PIM das Quellsystem aller produktbezogener Daten, während Drupal als CMS (Content Management System, das System für Webinhalte) und Magento als E-Commerce-System darauf zugreifen, verbunden über die Arcmedia ESL als Integrationsschicht.
Alle drei Projektseiten beschreiben den produktiven Betrieb auf Magento 2, nicht aber, von welcher Plattform aus ursprünglich migriert wurde oder wie lange eine Umstellung gedauert hat, diese Angaben sind öffentlich nicht dokumentiert. Die hier geprüften Schweizer Referenzseiten liefern keine belegte Migrationsdauer und keinen Vorher-Nachher-Vergleich. Dass Migrationen und Sanierungen bestehender Magento-Shops zu unserem Alltag gehören, zeigt zusätzlich unser eigener Fachbeitrag vom 25. Juni 2024 mit dem Titel „So retten wir Ihren Magento-Webshop“; auch dieser Beitrag nennt keine Kennzahlen zu einzelnen Projekten, weshalb an dieser Stelle bewusst keine erfunden werden.
Was mit Version 2.4.9 tatsächlich neu dazugekommen ist
Statt der Roadmap-Versprechen lohnt sich zuerst der Blick auf das, was Adobe bereits ausgeliefert hat. Magento Open Source 2.4.9 erschien am 12. Mai 2026 und bringt offizielle Unterstützung für PHP 8.5 und Symfony 7.4 LTS mit, dazu wurden mehrere Frontend-Bibliotheken aktualisiert. Für Betreiberinnen und Betreiber, die ihre Infrastruktur langfristig planen, ist das der relevanteste Einzelpunkt: Wer heute migriert, baut auf einem aktuellen technischen Fundament, nicht auf einer bereits absehbar auslaufenden PHP-Version.
Bei den Schnittstellen wurde die clearCart-Mutation, mit der sich ein Warenkorb per GraphQL leeren lässt, erstmals für Magento Open Source freigegeben, bislang war sie der kostenpflichtigen Edition vorbehalten. Dazu kamen eine neue Mutation für die Token-Anmeldung externer Kundinnen und Kunden (exchangeExternalCustomerToken) und ein neues Feld für den Bestellwert ohne Mehrwertsteuer (OrderTotal.grand_total_excl_tax).
Im Checkout wurden mehrere Zahlungsfunktionen erweitert: Bei aktivierter Google-Pay-Vault-Funktion in Braintree lassen sich Google-Pay-Karten im Kundenkonto für spätere Zahlungen hinterlegen, ein „Real Time Account Updater“ hält hinterlegte Kartendaten automatisch aktuell, „Pay Upon Invoice“ bringt eine Kauf-auf-Rechnung-Option für deutsche Käuferinnen und Käufer, und Apple Pay funktioniert neu auch unter Chrome und Firefox statt nur unter Safari. Bei der Administration wurde die Zwei-Faktor-Authentifizierung vereinfacht: Statt aller aktivierten Verfahren reicht künftig ein einziges pro Administrator-Konto. Insgesamt weist Adobe für diese Version 580 behobene Fehler im Kerncode aus, ein Hinweis auf den Pflegeaufwand, den auch eine Open-Source-Plattform kontinuierlich braucht.
Nicht jede vielversprechende Funktion gehört dabei zur kostenlosen Basis. Live Search und Produktempfehlungen, die auf Adobe-eigener KI-Technologie basieren, sind laut offizieller Dokumentation ausdrücklich Adobe-Commerce-exklusiv und nicht Teil von Magento Open Source. Wer solche Funktionen einsetzen will, migriert also nicht nur die Plattform, sondern wählt damit auch die kostenpflichtige Edition.
Wohin die Roadmap zeigt: agentengestützter Handel und ein neues Merchant Center
Roadmaps sind Ankündigungen, keine Lieferungen, deshalb lohnt sich hier besondere Zurückhaltung mit Formulierungen. Adobes eigene, im April 2026 aktualisierte Vision-Forward-Roadmap für Adobe Commerce nennt als Schwerpunkte für 2026 eine native Anbindung an die Adobe Experience Platform für Daten und Personalisierung, ein neu gestaltetes Merchant Center für die tägliche Administration, KI-gestützte Werkzeuge für die Katalogpflege sowie erweiterte Entwicklerfreiheit über den Adobe Developer App Builder.
Konkreter wurde es am Adobe Summit 2026 im April: Adobe kündigte dort laut eigenem Business-Blog einen Commerce MCP Server an (MCP: Model Context Protocol, ein offener Standard für den Datenaustausch zwischen KI-Systemen und Anwendungen), der Entwicklerinnen und Entwicklern darüber Echtzeitzugriff auf Katalog, Warenkorb, Preise, Lagerbestand, Promotions, Checkout und Bestellabwicklung gibt, gedacht für eigene Einkaufsassistenten oder die Anbindung von KI-Systemen Dritter. Dazu kommt ein Commerce Developer Agent, laut Adobe „in Entwicklung“, der die Einführung von Adobe Commerce as a Cloud Service und dem neueren Adobe Commerce Optimizer beschleunigen soll. Der Optimizer selbst setzt auf ein sogenanntes Composable Catalog Data Model, eine austauschbare Katalogschicht, die auch ein eigenständiges Headless-Frontend erlaubt. Dass dieser Fokus keine Randnotiz ist, zeigt bereits die Sessionliste des Summits selbst: Die zentrale Roadmap-Präsentation trug den Titel „Adobe Commerce Roadmap: Growing GMV in the Agentic AI Era“.
Für Schweizer Unternehmen mit bestehender Systemlandschaft heisst das vor allem: Die Richtung ist erkennbar (mehr KI-gestützte Automatisierung, mehr Cloud-Betrieb, ein offeneres Katalogmodell), konkrete Verfügbarkeitstermine für die einzelnen Bausteine hat Adobe zum jetzigen Stand aber nicht durchgängig genannt. Eine Migrationsentscheidung sollte deshalb auf dem bereits Ausgelieferten fussen, die Roadmap liefert die Einordnung, nicht die Grundlage.
Für wen eine Magento-Migration in der Schweiz sinnvoll ist
Aus den drei vorangegangenen Abschnitten lässt sich ein Muster ableiten, kein Werbeversprechen. Eine Migration auf Magento Open Source oder Adobe Commerce ist naheliegend, wenn mehrere dieser Punkte zutreffen: ein tief strukturierter Produktkatalog mit vielen Attributen und PIM-Anbindung, wie bei Büchi Labortechnik dokumentiert; eine gewachsene Systemlandschaft aus ERP, Zahlungsanbietern und teils branchenspezifischer Software wie ComNorm bei Herzog Elmiger; ein B2B-Vertriebsmodell mit Firmenkonten, individuellen Preislisten oder mehrstufigen Freigabe-Workflows, für das bei Magento Open Source zusätzliche Erweiterungen oder Individualentwicklung nötig sind; und eigene oder eingekaufte Entwicklungskapazität, die den planbaren, aber wiederkehrenden Pflegeaufwand bis zum nächsten Major-Release trägt.
Weniger naheliegend ist der Umstieg, wenn das Sortiment klein und wenig verschachtelt ist, keine Systemanbindung über den Zahlungsanbieter hinaus ansteht und kein Entwicklungsbudget für die laufende Pflege eingeplant ist. Für dieses Profil positionieren wir auf unseren eigenen Technologieseiten bewusst andere Systeme, etwa Shopify für kleinere bis mittlere Unternehmen mit hohem Designanspruch oder BigCommerce für Unternehmen mit hohem Integrationsbedarf bei geringerer Individualisierungstiefe. Keines dieser Systeme ist dabei die „schlechtere“ Wahl, es beantwortet nur eine andere Ausgangsfrage als die nach einem komplexen, tief integrierten Produktkatalog.
Fazit
Eine Magento-Migration lohnt sich in der Schweiz dort, wo Produktkomplexität, Systemanbindung und B2B-Anforderungen zusammenkommen, nicht pauschal für jedes Unternehmen mit Umstiegsbedarf. Version 2.4.9 liefert mit PHP-8.5-Unterstützung, erweiterten GraphQL-Funktionen und einem langen Support-Horizont bis 2029 eine solide technische Grundlage; die Roadmap weist klar in Richtung eines KI-gestützten, agentenfähigen Handels, ohne dass Adobe dafür bereits durchgängig Termine nennt. Prüfen Sie anhand Ihres eigenen Produktkatalogs, Ihrer Systemlandschaft und Ihrer Entwicklungskapazität, ob dieses Muster zu Ihrem Unternehmen passt, bevor Sie eine Migration budgetieren.
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Quellen
- Adobe, offizielle Pressemitteilung „Adobe Completes Acquisition of Magento Commerce“, 19. Juni 2018
- Adobe Experience League, „Released versions“ (Magento Open Source 2.4.9, 2.4.8)
- Adobe Experience League, Magento Open Source 2.4.9 Release Notes
- Adobe Experience League, „Introduction to Adobe Commerce B2B“
- Adobe Experience League, „Get Started with Live Search“
- Adobe Experience League, „Business Growth with Adobe's Vision Forward Roadmap“, Stand 24. April 2026
- Adobe, offizieller Business-Blog, „Reduce time-to-value with agentic upgrades in Adobe Commerce“, April 2026
- Adobe Experience League, „Why the Composable Catalog Data Model (CCDM) Exists“
- Adobe Experience League Community, Sessionliste Adobe Summit 2026
- Arcmedia-Projektseiten Herzog Elmiger, Durovis, Büchi Labortechnik
- Hyvä, offizielles Agenturverzeichnis (hyva.io/find-an-agency)
- Arcmedia, Technologieseite Magento (arcmedia.ch/en/technologies/magento)